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Hausfriedensbruch


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Möbel sind teuer, und der Leerstand in Halles Osten lockt mit zahlreichen zurückgelassenen Antiquitäten. Eine Studentin und ihr Beitrag zum Sicherheitsgefühl in Freiimfelde.

Türen braucht man meist nur aufbrechen, wenn man hinauswill. Das Brecheisen löst mit dumpfem Ruck die Schraube aus der Tür, durch welche Mia ihre heutige Beute aus dem leerstehenden Haus trägt – den gut erhaltenen, runden Tisch hätte sie unmöglich durch eines der offenen Kellerfenster bekommen, durch das sie hineingelangt ist. Das Haus ist eines der vielen leerstehenden Mehrfamilienhäuser bei Freiimfelde, im oft als Hort der Kriminalität in der Saalestadt betitelten Gebiet hinter dem Bahnhof. Ihr Chef fragte sie einmal überrascht, ob sie wisse, dass in ihrem Wohngebiet eine Einbruchsquote von 80% herrsche. "Tatsächlich? Noch nie gehört..." antwortete Mia gespielt überrascht; Angst vor Einbrechern hat sie nicht. Sie ist ja in gewisser Weise selbst eine. Auch wenn das, was sie stiehlt, meist keiner mehr will. Doch obwohl der im Leerstand zurückgelassene Reichtum immer wieder überraschende Ausmaße annimmt, findet sie keineswegs immer etwas – das Adrenalin steht eigentlich meist im Vordergrund. Der Tisch heute ist ihre erste Beute seit dem Winter, und auch diesmal gingen dem Erfolg anderthalb Stunden bis auf die Türrahmen leergeräumte Bruchbuden voraus, die sie mit ihrer Freundin Marie (die sich während der nächtlichen Ausflüge ebensowenig beim wirklichen Namen nennen lässt) durchstreifte. "Man geht nie alleine", betont Mia, "wenn dir da in so 'nem abgefuckten Keller was passiert, da findet dich Tage lang keiner". Und zu gruselig sei ihr das auch manchmal: auf dem Boden verstreute Fixerspritzen oder ein mitten im leeren Raum stehender Stuhl, umgeben von vereinzelten stehengelassenen Schuhen sind die harmlos-verstörenden Varianten: im Betriebshof, der früher ein Schlachthaus war, hängen noch die Schlachterhaken und es riecht nach Blut, und in den alten Agrarwissenschaften haben Tierexperimente im Keller einen Geruch des Todes hinterlassen. Im bewohnten Haus auf der anderen Seite der Innenhofmauer geht das Licht im Küchenfenster an. Marie und Mia erstarren, sie müssen über die Mauer zurück durch den Hof um durch ein anderes Haus wieder hinauszukommen. Die Mauer hat lose Steine in den obersten zwei Reihen, als Marie sich daran hochzieht, fallen ein paar davon mit plumpem Geräusch hinunter. Mia muss sich ein Lachen verkneifen, als ihre Freundin etwas ungelenk und nicht ganz so leise wie gewünscht auf der anderen Seite hinunterspringt. Sie scheint heute nicht ganz bei der Sache zu sein – morgen steht eine Klausur an. Diese nächtlichen Aktivitäten sind natürlich alle illegal. Hausfriedensbruch laut §123 untersagt das widerrechtliche Betreten fremder Wohnungen und "befriedeter Grundstücke", es kann mit einer Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe geahndet werden. Als Wohnung dienen all diese Ruinen kaum mehr, Täter haben oft nur mit kleinen Geldstrafen zu rechnen – es sei denn, sie werden beim Stehlen erwischt, "dann wird es kompliziert", sagt Mia, die noch nie der Polizei über den Weg lief, obwohl Nachbarn und Anwohner oft nicht zögerlich sind, diese zu rufen. Abgesehen natürlich von denen, die ihr illegales Diebesgut in solchen Häusern aufbewahren: in einem Keller fand Mia Dutzende Fahrräder, teils noch mit aufgebrochenen Fahrradschlössern behangen. Bisher fand alles, was Mia mitnahm, einen Platz in ihrer eigenen Wohnung, das eine oder andere Stück verschenkte sie an Freunde. Verkauft hat sie noch nichts, "aber wenn ich mal irgendwann knapp bei Kasse bin, kriege ich bestimmt gutes Geld für ein paar meiner Möbel", grinst sie. Für einige der alten Kommoden würden Liebhaber hohe Beträge zahlen, und für ein gut erhaltenes Treppengeländer bekäme man etwa 700 Euro. Auf die moralische Frage nach möglichen späteren Eigentümern solcher Häuser ohne Treppengeländer zuckt Mia die Schultern. "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Hat schon Gorbatschow gesagt." Tatsächlich redete Gorbatschow von den Gefahren, die auf jene warten, die nicht auf das Leben reagieren, und inwiefern das noch auf die späteren Hauseigentümer übertragbar ist, kann man zumindest ebenso sehr in Frage stellen wie das moralische Abwinken Mias. Dass die wenigsten "Projekte", wie sie die von ihr besuchten Häuser nennt, je wieder einen aktiven Besitzer finden, kommt ihr entsprechend zugute, und nur das selten benutzte Brecheisen lassen sie tatsächlich kriminell erscheinen. Die meisten Häuser haben offene Fenster, manche gar unverschlossene Türen, oder man wartet einfach lang genug, bis irgendwelche Jugendlichen ein Fenster eingeschlagen haben, Gewalt gegen Gegenstände benötigt sie nur in so seltenen Fällen wie der provisorischen Schraube, welche die Tür des letzten besuchten Hauses für heute geschlossen hält. Wichtiger sind Lampe, schwarze Kleidung und Pfefferminzbonbons. Die Luft ist staubig hier und kratzt im Hals, und niemand will Husten, wenn man gerade einen schönen alten Tisch aus dem fremden Haus trägt, um ihn in die zwei Blöcke entfernte Wohnung zu bringen. Nachdem der Tisch verstaut ist, zieht sie ihren schwarzen Pullover aus, hört auf "Mia" zu sein und erzählt von Rentenversicherungen, an die man als Geisteswissenschaftler ja gar nicht früh genug denken könne, während sie ganz studentisch nach etwas Essbarem in ihrem Kühlschrank kramt. Ganz normal. Aber der Geschirrschrank neben ihr ist von 1930; und die Rahmen um ihre selbstgemalten Bilder aus der Mehrfamilienhaus-Ruine gegenüber.

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