Vier Minuten Himmel
In der Hand die Rettung, schwarz auf weiß gedruckt, ein Ring des Gestrandeten, vertrieben und verjagt, geflüchtet in die Schwere zwischen den Seiten, bedruckt mit Welten und Meeren, umhüllt von Wahrheiten doch verpackt in Lügen; schöne Lügen zwar, doch falsche Lügen weiterhin, öffnet er die Türe und tritt über die Schwelle.
Es riecht muffig, als ob man eingesperrt in einer tausend Jahre alten Bibliothek die trockenen Seiten eines Lexikons als letzte Nahrung verzehrt doch die Wand zieren viereckige Bilder mit Schriftzügen, großteils unbekannt, doch vertraut in ihrer Fremde.
Er durchstreift die Reihen, nur zur Hälfte anwesend, sein Blick wird abgelenkt von den anderen Gestalten, die den Raum mit ihm teilen, seltsame Gestalten, einer reicht das Haar bis an die Hüfte, abstrus wie ein Yeti und doch unzweifelhaft real und schrecklich.
Ein sanfter Klang dringt an sein Ohr, nur leicht noch doch schnell sich verstärkend und den Raum einnehmend. Die Gestalten verlieren jegliche Bedeutung als er seine Augen schließt, der Rettungsring in Schwarz und Weiß entgleitet seiner Hand; wozu braucht der Geflohene noch Rettung wenn die Heimat nach ihm ruft, es fällt zu seinen Füßen mit einem leisem Klacken, einem trocknen Rascheln. Er beginnt zu schweben wie der Klang der Stimme, göttlich und so irdisch doch zugleich, die Worte singend die er nicht versteht, das ist sie, die Wahrheit, pur und rein und ohne Lügen, eine Welt voller Sterne in tausend explodierenden Sonnen; es ist die Schönheit des Untergangs, das letzte Ende und zugleich Geburt und Schöpfung...
Den Schauer hinter seinen Augen, stellen sich seine Haare an den Armen auf den höchsten Ton, er möchte weinen oder fliegen, die Wolken spüren und nur nie wieder verstummen. Die Sonne geht auf, dort hinter dem Regal zur Linken, sie schüttet Gold in Flüssen durch die Reihen, macht den Boden rund, den Himmel frei und lässt das Meer in Wogen über glatt geriebene Ohrmuscheln rauschen, Schaumkronen auf den Wellen und tausend bunte Fische sich verbindend in lebenden Symphonien.
Als die unendliche Schönheit sich ihrem unvermeidlichen Ende zuneigt verbrennt seine Brust, jeden Ton und jedes Wort aufsaugend wie die Medizin die ihm einzig Heilung und ihn endlich wieder nach Hause bringt, das Leben hat sein Versteck aufgegeben und die erste Sommerwiese gibt ihm die letzten Jahre ihrer Wahrheit, die Liebe die ihm fehlte. Wie kann nur irgendwas so schön und doch so schmerzhaft sein?
Der letzte Atemzug entweicht den Lippen als der letzte Laut verklingt und nur ein Seufzen hinterlässt, ein Seufzen in der Seele stiller Klang.
Er schlägt die Augen wieder auf und den Weg zum Ausgang ein.
„Wieviel?“ Ein Murmeln kaum, die Stimme schwach wie nach dem Tod, die Seele erst zurückkehrend in den starren Körper, starr vor Glück und starr vor Trauer doch.
Ein Lächeln auf den Lippen, noch Tränen in den Augen, vier Minuten Himmel in der blauen Tragetasche, die Tür des Plattenladens klingelt, der Himmel grau, die Kirchenglocken läuten. Wozu noch Gotteshäuser haben wenn der ganze Himmel in der Tasche liegt?
Vier Minuten Himmel...























